12.10.2026 / Via Gebennensis / Genf bis Charly
30.7km / 730m rauf, 320m runter / 5h 37min Laufzeit / 07.36min unterwegs
strahlender Sonnenschein / Übernachtung Gîte d'Etape communal, Relais Chez Odette
Frühstsücksunterhaltung
Ich wache wie immer kurz nach 6.00 Uhr auf und warte, bis jemand anderes zuerst aufsteht, bevor ich kurz nach 7.00 Uhr ebenfalls aufkrieche. Das Frühstück ist inklusive und ich bin ganz beschäftigt damit, die Leute um mich herum zu beobachten. Die Einen laufen im Anzug und mit Aktentaschen herum, andere tragen scheinbar noch den Schlafanzug mit teilweise wirklich interessanten Mustern und Formen. Da das Frühstück nicht bei allen Buchungen inklusive ist, braucht man zum Reinkommen die Zimmerkarte. Zum Rauskommen muss man dann auf einen Knopf drücken und braucht die Karte nicht. Der Knopf ist gut ersichtlich in rot auf Französisch und Englisch angeschrieben. Die meisten Leute übersehen dass allerdings und versuchen verzweifelt, mit ihrer Karte wieder rauszukommen. Da das Drehkreuz jedes mal piept, wenn jemand von innen die Karte gegen den Leser hält, wird mein Blick immer wieder davon angezogen und ich schaue mir das Schauspiel mehrmals an.
Tschüss Schweiz
Nachdem ich genug gegessen und fremden Leuten zugeschaut habe, gehe ich ins Zimmer meine Sachen packen und checke aus. Als erstes navigiere ich mich zum nächstbesten Bankautomaten, um für Frankreich noch ein paar Euro mehr abzuheben. Danach steuere ich die nächste Kirche an, um meinen Stempel abzuholen. In der Kirche treffe ich zufälligerweise M. und Th. wieder, die gerade dieselbe Mission haben. Allerdings ein bisschen in Eile, weil sie den Bus erwischen müssen.
Ich gehe weiter und mache mich daran, aus der Stadt rauszukommen. Genf ist so gut ausgeschildert, dass ich mich ohne App bewegen kann, ohne mich zu verlaufen. Nur diverse Baustellen muss ich umschiffen. Am Morgen bin ich noch in der Schweiz unterwegs. Ich bin ein bisschen kribbelig, es fühlt sich seltsam an, schon bald die Schweiz zu verlassen und nach Frankreich zu laufen.



Hallo Frankreich
Und dann stehe ich plötzlich an der Grenze. Auf einem laminierten Blatt verabschiedet sich die Schweiz und die Via Jacobi von mir. Nach ein paar Schritten neben einer Absperrung hindurch bin ich in Frankreich. Völlig surreal. Ich muss grinsen. Irgendwie habe ich ja doch ein bisschen gezweifelt, ob ich soweit kommen werde. Ausserdem fühlt es sich einfach anders an, jetzt in Frankreich zu sein. In der Schweiz hatte ich für mich eine gewisse Sicherheit. Es ist mein Heimatland und das Ö.V.-Netz ist so gut, dass ich von den meisten Orten auch am Abend noch nach Hause käme, oder zumindest in eine andere Ortschaft. Auf der via Gebennensis, auf der ich nun in Frankreich unterwegs bin, wird das nicht so sein. Die Strecke ist eher abgelegen. Ich freue mich aber auf die Landschaft, in der Schweiz war es teilweise ein bisschen viel an Strassen entlang und durch Städte.



Herbststimmung
Es fühlt sich richtig nach Herbst an. Die Sonne scheint, mir läuft beim Laufen der Schweiss runter und trotzdem ist die Luft kühl und frisch. Wunderschön. Ich bin richtig glücklich über das Wetter. Nachdem es davor schon so lange schön war, habe ich ein bisschen damit gerechnet, dass das Wetter wechselt, sobald ich unterwegs bin. Das ist nicht eingetroffen und ich liebe es, dass ich jetzt so schöne Herbsttage zum Geniessen habe. Sonnige Frühlings- und Herbsttage sind mir am Liebsten. Bänke sind hier eher rar, also setze ich mich irgendwann auf den Boden und esse mein Mittagessen. Altes Brot, gutes Kautraining. Dazu geniesse ich die Stille, die hier herrscht.






Was erwartet mich wohl?
Ich bin ein bisschen nervös wegen der Übernachtung heute Abend. Ich habe eine Herberge in Charly rausgesucht, aber online ziemlich viel negatives darüber gelesen. Hauptsächlich, dass es dreckig und ungemütlich ist und die Betten einen nicht so zum Hinlegen anlachen. Teilweise waren die Bewertungen dann aber auch wieder positiv. Die Neueren, die ich finde, sind vom Sommer und klingen gut. Aber dass ich so gar nicht weiss, was mich erwartet, macht mich unruhig. Ich überlege mir ein paar Alternativen, inklusive wie weit ich zurücklaufen müsste, um eine andere Unterkunft zu finden. Auf Dauer sind solche Überlegungen dann nicht mehr so sinnvoll. Jetzt kann ich ja sowieso nichts machen und heute Abend wird sich irgendwas ergeben. Immerhin ist Laufen eine gute Möglichkeit, den inneren Stress loszuwerden.



Vor verschlossener Tür
Ich bin auf jeden Fall froh, als ich in Charly ankomme, damit ich mir die Gîte jetzt mal ansehen kann. An der Adresse angekommen ist die Tür allerdings verschlossen. Ernsthaft jetzt? Muss das sein? Im Nachbarhaus verabschiedet sich eine ältere Dame gerade draussen von ihrer Tochter. Ich steuere auf sie zu und frage, ob sie weiss, ob die Gîte offen ist. Sie sagt ja und kommt rüber, um es mir zu zeigen. Aber die Tür bleibt zu. An der Wand hängt ein Codekasten. Die Dame geht kurz rüber, um ihre Notizen mit dem Code und einer Telefonnummer zu holen. Auch mit Code geht die Türe nicht auf. Unter der Nummer meldet sich der Anrufbeantworter der Gemeindeverwaltung. Öffnungszeiten Montag und Donnerstag. Grossartig, es ist zwar tatsächlich Montag, aber definitiv nach Feierabend. Das hilft mir jetzt auch nicht weiter. Die nette Dame von nebenan nimmt mich mit zu sich rüber und erzählt mir, dass das sehr seltsam sei, die Tür sei immer offen. Sie hat noch die Vermutung, dass vielleicht jemand von innen abgeschlossen hat. Sie sagt, dass wir noch eine Weile warten und sonst weiterschauen. Und im Notfall könne ich auch bei ihr übernachten, sie würde mich sicher nicht draussen stehen lassen. Sie erzählt mir ein paar Sachen, allerdings verstehe ich nicht wahnsinnig viel. Ich höre ihr einfach zu. Irgendwann huscht sie raus, weil draussen jemand vorbeiläuft, den sie kennt und dann geht tatsächlich bei der Gîte die Türe auf.
Es hat also tatsächlich ein Pilger von innen abgeschlossen. Weil er duschen war. Ja danke. Ich verstehe zwar den Gedanken, aber das war jetzt trotzdem ein wenig mühsam. L. ist heute auf dem Weg gestartet, wir unterhalten uns eine Weile, allerdings eher holprig. Meine Ausdrucksweise auf Französisch ist begrenzt, was Gespräche schwierig macht. Zudem bin ich zu müde zum Denken. Ich verabschiede mich früh ins Bett. Nach letzter Nacht mit so wenig Schlaf, dem gestrigen Tag mit vielen Kilometern und dem Heutigen mit häufigerem auf und ab, bin ich mal wieder ordentlich durch.
