06.10.2026 / Via Jacobi / Rüeggisberg bis Freiburg
30.4km / 480m rauf, 810m runter / 5h 31min Laufzeit / 07.53min unterwegs
strahlender Sonnenschein / Übernachtung im Couvent des Cordeliers

Erstmal einen Kaffee

Beim Aufwachen bin ich sehr froh, alleine in der Unterkunft zu sein und erst mal einen Moment für mich zu haben. Geschlafen habe ich gut, so durch wie ich war. Ich packe mein Zeug zusammen und überzeuge mich dann davon, rüberzugehen. Bei dieser Übernachtung ist das Frühstück bei der Gastgeberin inklusive. Meine Motivation zur Kommunikation ist morgens allerdings immer eher eingeschränkt. Vor allem vor dem ersten Kaffee. Darum führe ich erstmal ein kritisches Selbstgespräch, bevor ich mich überwinde und rübergehe.

D. hat das Frühstück draussen auf ihrem Balkon vorbereitet. Die Aussicht ist wunderschön und die Sonne wärmt auch schon mit den ersten Strahlen. Traumhaft. Und ich komme zu meinem geliebten Kaffee. Es wird ein gemütlicher Start in den Tag. Wir unterhalten uns, darüber was ich sonst so mache und wie D. dazu kam, Pilger bei sich zu beherbergen. Irgendwann erzählt sie mir von ihrem Weg zu Gott und was der Glauben für sie bedeutet. So habe ich mir Gespräche auf dem Pilgerweg vorgestellt.

Weiter geht's

Irgendwann bedanke ich mich, packe mein Zeug fertig und mache mich wieder auf den Weg. Erstmal in die Landi, zum Einkaufen. Danach mache ich einen Zwischenhalt bei der Kirche, um meinen ersten Stempel im Pilgerpass zu verewigen. Kurze Zeit später komme ich an einem Hofladen vorbei und schaue neugierig rein. Hier werden Süssmost in Bechern und Äpfel in Stücken angeboten, perfekt für Wanderer. Ich kaufe beides und laufe weiter. Während ich den Apfel esse, überlege ich mir, was es wohl für eine Sorte ist. Ich weiss es nicht, aber ich habe das Gefühl, dass mir die Sorte bekannt wäre, wenn sie mir jemand verraten würde. Aber von alleine komme ich nicht drauf.

Nach einer Weile führt mein Weg über eine Kuhweide durch ein paar Kühe durch. Ich bleibe kurz stehen und überlege mir dreimal, ob ich da jetzt wohl wirklich durch muss. Da sowohl die App, wie auch die Wegweiser diese Richtung anzeigen, heisst das wohl ja. Tja dann. Hoffentlich kommt keine auf Kuschelkurs, mir sind die guten Tiere etwas zu gross und ich bevorzuge einen gewissen Sicherheitsabstand. Sie haben allerdings kein Interesse an mir und ignorieren mich völlig. Sehr gut.

Die weitere Strecke führt mal bergauf, mal bergab. Jedes mal, wenn der Weg bergab führt, checke ich auf der App, ob ich noch richtig bin. Nicht, dass ich den Weg zurückgehen und noch mehr bergauf laufen muss.

Ich streike

14.40 Uhr. Ich streike. Oder meine Füsse streiken. Ich hätte nicht gedacht, dass mir meine Füsse so wehtun können. Und die Hüften gleich mit. Vorhin habe ich den Rucksack so eingestellt, dass das meiste Gewicht auf den Schultern liegt, damit ich noch vorwärts komme ohne dass mich meine Hüften killen. Dafür gibt's jetzt dann auch noch Schulter- und Rückenweh. Ich hätte echt nicht gedacht, dass der Rucksack so einen grossen Unterschied macht. Wobei das ja eigentlich logisch ist, plötzlich 7Kg mehr zum Rumschleppen ist nicht unwesentlich. Wobei sich das Rucksackgewicht eigentlich noch in Grenzen hält. Jetzt sitze ich auf einer Brücke und mache Pause. Nicht das schönste Plätzchen, die Strasse ist gleich nebendran. Aber ich habe ziemlich lange ignoriert, das eine Pause angebracht wäre und bin immer weitergelaufen. Jetzt brauche ich eine Pause, egal wo, sonst tragen mich meine Füsse keinen Meter mehr.

Wie weit darf's denn heute gehen?

Ich überlege mir seit Schwarzenburg, ob ich bis Freiburg laufen oder vorher für eine Übernachtung schauen soll. Bis Freiburg sind es 30Km und dass habe ich mir irgendwie als heutige Etappe in den Kopf gesetzt. Aber es ist ein bisschen weit. Ich übertreibe und würde besser einen Gang runterschalten, statt meinen Körper im Stechschritt mit zu wenig Pause vorwärts zu quälen. Jetzt sind es nur noch rund 10Km und ich will ja laufen und nicht den ganzen Tag nur rumsitzen. Für heute ist es sicher ein bisschen viel, aber ich laufe jetzt diese Etappe wie geplant.

In Freiburg habe ich mir das Couvent des Cordeliers, das Franziskanerkloster zur Übernachtung ausgesucht. Sie haben Übernachtungsmöglichkeiten für Pilger. Ich tauche mal unangemeldet auf und gehe davon aus, dass im Moment kaum so viele Pilger unterwegs sind, dass kein Platz mehr ist. Ich stelle mich schon mal auf Französisch ein und bin dann sehr froh, dass die Empfangsdame deutsch spricht. Ich bin mal wieder durch. Das lange gehen in der Sonne hat nicht nur meinen Körper, sondern auch meinen Kopf in Matsch verwandelt. Da klappt dann die Kommunikation auf Deutsch auch nur noch holprig. Aber irgendwie schummle ich mich durch, erhalte meine Pilgerstempel und werde ins Zimmer geführt - es sind drei Mehrbettzimmer und so wenig Pilger, dass ich tatsächlich den Raum für mich alleine habe. Fühlt sich an wie Weihnachten. Wenn ich nach einem langen Tag so durch bin, ist mein Bedürfnis nach Kommunikation ziemlich gleich null. Mit Fremden sowieso.

Endlich liegen

Sobald ich alleine bin, gehe ich duschen. Was ein Highlight nach so einem Tag. Das ist etwas, was ich sehr mag. Wenn sich etwas so alltägliches unterwegs zu einem Wohlfühlhighlight wandelt. Später im Bett tut mir tatsächlich alles weh, es fühlt sich aber widererwarten weniger schlimm an als gestern Abend. Nichtsdestotrotz gehe ich wieder sehr früh ins Bett. Ich bin nicht nur körperlich durch, mein Kopf ist ebenfalls hinüber. Ich bin absolut nicht mehr aufnahmefähig und will einfach nur schlafen. Also mache ich das.