15.10.2026 / Via Gebennensis / Crémon bis Saint-Genix-sur-Guiers
38km / 1'080m rauf, 1'220m runter / 7h 14min Laufzeit / 09.17min unterwegs
Nebel, dann strahlender Sonnenschein / Übernachtung Gîte à pied à bicyclette
Das Ende naht
Am Morgen herrscht dichter Nebel. Mir gefällt es auch so sehr, unterwegs zu sein. Die Stimmung ist ganz anders, teilweise kann man erahnen, dass es wahrscheinlich ein bisschen vom Weg entfernt den Hang runtergeht, aber sehen tut man nur eine weisse Wand. Ich starte gemeinsam mit E., da ich aber schneller unterwegs bin, verabschieden wir uns schon bald. Sie hat noch zwei Wochen vor sich, bei mir geht es schon langsam gegen Ende zu. Schade, ich wäre gerne noch länger unterwegs. Als ich in Morges die Strecke für Frankreich vorgeplant habe, habe ich auch kurz geschaut, wie lange ich bis nach Le-Puy-en-Valey noch bräuchte. Das ist das offizielle Ende der Via Gebennensis. So lange wäre es nicht mehr gewesen und ganz kurz habe ich mir überlegt zu verlängern. Aber die Zeit zu Hause vor Schweden ist sowieso eher knapp bemessen, für alles, was ich vorher noch machen will. Also habe ich den Gedanken wieder vergraben und mir vorgenommen, irgendwann in Zukunft den Weg weiterzugehen.



Nervennahrung
Es ist schon warm und ich schwitze mal wieder. Der Rucksack wird feucht vom Nebel. Der Hut, den ich am Morgen aussen am Rucksack angehängt habe, ist schon nass. Es dauert fast bis am Mittag, bis der Nebel langsam der Sonne weicht. In Yenne kaufe ich mir an einem Kiosk eine Cola und nerve mich gleich darauf darüber. Das Geld hätte ich mir ja auch sparen können, Wasser habe ich schliesslich genug dabei. Ich gehe weiter, meine Laune mittlerweile weitaus bewölkter als der strahlende Sonnenschein, der um mich herum herrscht. Ich bin gestresst, weil die Strecke noch länger ist als gestern und dazu noch einige Höhenmeter mehr dazu kommen. Irgendwann fällt mir auf, dass ich vielleicht mal was essen sollte. Gesagt, getan und danach ist meine Laune tatsächlich nicht mehr ganz so tief im Keller.



Fusspflege
Ich gehe weiter und merke, dass ich mich vielleicht mal um meine Füsse kümmern sollte. Ich bin zum Glück nicht blasenanfällig, meine Füsse vertragen einiges. Ich dachte eigentlich, dass ich es sogar ganz ohne Blasen schaffe. Und das, obwohl ich ziemlich neue Schuhe trage. Soll man ja nicht. Aber ich hatte leider keine Zeit, sie gut einzulaufen. Und bisher hatte ich auch keinerlei Probleme. Gestern habe ich dann gespürt, dass es anfängt zu reiben. Beim Runterlaufen rutsche ich mehr in den Schuhen rum und das scheint meinen Füssen jetzt langsam zu verleiden. Ich halte also an und grabe im Rucksack nach dem Plastikbeutel mit den Pflastern. Blasenpflaster habe ich natürlich keine dabei. Ich verklebe die eine Ferse mit Pflaster, darunter Alpakawolle, die ich mir in den Niederlanden auf einem Alpakacamping gekauft habe. Die andere Seite ist noch nicht so schlimm, dort lege ich einfach ein bisschen Alpakawolle bei der Ferse in die Socke. Vielleicht hilfts ja.
Ich bin manchmal ein bisschen blöd
Die Strecke und vor allem die Aussicht ist grandios heute. Mittlerweile bin ich ganz beschwingt und fröhlich unterwegs. Bis ich irgendwann auf mein Handy schaue und feststelle, dass ich eine Absage für meine Übernachtung morgen erhalten habe. Eigentlich wollte ich in Le Pin übernachten. Dem Ort, wo ich letzte Woche online nichts gefunden habe. Als Notlösung hatte ich dann per Booking eine Unterkunft in Le-Grand-Lemps, meiner Endstation, gebucht. Das hätte allerdings eine Tagesetappe von über 40 Km vorausgesetzt, daher war ich froh, dass ich in Gland mit dem Reiseführer neue Möglichkeiten für Le Pin gefunden habe und diese Unterkunft stornieren konnte. Allerdings hatte ich bis jetzt mit zwei Unterkünften keinen Erfolg. Für die Dritte habe ich gestern Abend eine Bestätigung erhalten, mit bitte um eine definitive Zusage. Ich habe die SMS weggewischt und wollte das später noch machen. Wie ich halt so bin. Jetzt ist ein bisschen sehr viel später und die Unterkunft nicht mehr verfügbar. Ich ärgere mich masslos über mich selber. Wie blöd kann ich eigentlich sein? Es hätte mich 10 Sekunden gekostet, die Unterkunft kurz zu bestätigen. Aber nein, ich habe es wie immer vor mich hergeschoben. Jetzt stehe ich schon wieder vor einem Unterkunftsproblem. Ich beschliesse aber, mich nicht jetzt auf der Strecke darum zu kümmern, dafür habe ich heute sowieso keine Zeit. Es betrifft ja erst den morgigen Tag, da kann ich mir heute Abend in der Unterkunft noch genügend Gedanken darüber machen und Lösungen suchen. Nach einer Weile ist auch mein Ärger verraucht, die Strecke ist zu schön. Ich bin recht flott unterwegs und fühle mich im Flow. Bis es ganz steil hochgeht und ich nur noch mit Keuchen beschäftigt bin.



Hundebegegnungen
Die Steigung heute ist echt nicht ohne. Phuuu. Aber diese Aussicht, WOW. Ich mache eine kurze Pause und drinke einen Schluck Cola. Jetzt würde ich das Doppelte für die mittlerweile warme Zuckerbrühe zahlen. Nach einer Weile laufe ich um eine Kurve und stehe plötzlich zwei Hunden gegenüber. Ich werde allgemein sehr oft von Hunden hinter Zäunen angebellt und war schon ein paarmal froh, dass da ein Zaun dazwischen steht. Ich kann die Reaktion von fremden Hunden nicht so gut einschätzen und wenn es nicht gerade ein freundliches Begrüssen von einem menschenliebenden Hund ist, habe ich einen gehörigen Respekt. Mit Rucksack haben zudem viele Hunde zusätzlich Angst vor mir und bellen. Heute morgen ist mir im Wald ein Hund begegnet, der alleine unterwegs war. Bei dem habe ich deutlich gemerkt, dass er Angst hatte. Zum Glück musste ich nicht zu nah an ihm vorbei. Aber zurück zu den beiden Exemplaren, die da plötzlich vor mir stehen. Der Eine ignoriert mich, der Andere kommt zu mir. Beide scheinen keinerlei Scheu vor mir und meinem Rucksack zu haben. Kurz darauf kommt die Besitzerin um die Ecke gewandert. Aha, die Hunde sind sich Rucksäcke also gewohnt. Die ältere Frau fragt mich, ob ich Angst vor den Hunden habe und erklärt mir, dass der, der mich gerade abschnüffelt noch sehr jung ist und viel Energie hat. Sie fragt, ob ich länger unterwegs bin. Ich bejahe und frage zurück. Sie sagt, dass sie nur eine kurze Runde macht. Was auch immer das heisst. Ihr Rucksack ist auf jeden Fall grösser als meiner, aber wer weiss, was sie alles mitschleppt. Ich hoffe, dass ich in dem Alter auch noch so flockig mit Gepäck den Berg hochkomme wie sie. Aber da steckt wohl viel Training in dieser hügeligen Gegend drin. Die Frau erzählt mir mittlerweile irgendetwas, aber ich komme auf Französisch nicht mit. Dafür textet sie um einiges zu schnell. Ich streichle derweil den jungen Hund, der allerdings eher an meinen Hosen interessiert ist. Ich trage die Outdoorhosen, die ich die ganze Schwedensaison anhatte. Darauf sind vermutlich einige hochinteressante Informationen verewigt. Kurz darauf verabschiedet sich die Frau und verschwindet so schnell, wie sie aufgetaucht ist.



Voll im Flow
Es ist Nachmittag und normalerweise bin ich nach so langem Laufen einfach nur müde und nicht mehr so motiviert. Heute nicht. Ich bin so glücklich, es ist so wunderschön und ich habe das Gefühl, als könnte ich noch ewig so weiterlaufen. Obwohl mir die Füsse wehtun, vor allem die Fersen, bin ich völlig im Flow. Ein Pickup überholt mich, hinten am Heck ein Bild der Route 66, der Hund streckt den Kopf zum Seitenfenster raus. Der Inbegriff von Freiheit. Und so fühle ich mich auch gerade. Frei. Und glücklich. Schon allein für diesen Nachmittag und diese Gefühle hat sich das Ganze gelohnt.



Ein leckeres Abendessen
Natürlich zieht sich das letzte Stück dann doch noch ein bisschen. Bei allem Flow war es trotzdem weit heute. Ich bin auf jeden Fall froh, als ich ankomme. Heute habe ich ausnahmsweise das Abendessen mitgebucht. Sonst esse ich meistens, was ich noch so dabei habe, oft auch schon auf dem Weg. Seit ich in Frankreich unterwegs bin habe ich mit französischen Unterhaltungen und dem Auf- und Ablaufen wieder genügend zu tun, sodass ich ähnlich wie am Anfang in der Schweiz wieder weniger Hunger habe. Aber jetzt freue ich mich, mal wieder etwas anderes als Brot zu essen. Meine Ernährung unterwegs hat noch Optimierungspotenzial. Für diesen Abend hat C. einen Lauchkuchen und Kartoffel-, Bärlauch-Püree gemacht. Vorab einen Salat und zum Schluss ein Dessert. Nach dem sehr leckeren Essen kümmere ich mich noch um meine Unterkunft für morgen. Ich überlege, die Unterkunft in Le-Grand-Lemps neu zu buchen. Mittlerweile wäre sie sogar 20 Franken günstiger. Bevor ich das mache, schaue ich mal, ob es in der Umgebung noch andere Möglichkeiten gäbe. Dabei lande ich bei Airbnb und einer Unterkunft in Châbons. Châbons liegt nicht auf der Via Gebennensis, sondern ein bisschen abseits der Strecke. Die Distanz scheint mir etwa gleich wie nach Le-Grand-Lemps zu sein. Da mir die Unterkunft sympathischer ist und weniger kostet, entschliesse ich mich dafür. Am Samstag habe ich dann noch genug Zeit, von Châbons nach Le-Grand-Lemps zu laufen und von da mit dem Zug nach Hause zu fahren. Für Morgen heisst das jetzt doch 40+ Km. Naja, wird schon passen. Nur wegen meinen Füssen habe ich ein bisschen Angst. Die haben ja beschlossen, das mit den Blasen jetzt doch auch noch auszuprobieren. Aber das ist ein Problem für morgen, jetzt gehe ich schlafen.
