Montag, 02.11.2026, 10.00 Uhr

Ich bin so nervös. Ich dachte eigentlich, es würde dieses Mal weniger sein. Aber beim Packen brauche ich ewig, bin unfokussiert und zittere teilweise vor mich hin. Damit habe ich nicht gerechnet. Also es ist nichts gegen die Panik, die ich vor der ersten Abreise nach Schweden hatte. Wenn ich es vergleiche, ist es jetzt viel weniger schlimm. Aber trotzdem, das bringt mir gerade auch nicht so viel. Was wenn, was wenn, was wenn. Was soll ich einpacken, was zu Hause lassen? Auch das ist einfacher als beim ersten Mal und doch schwieriger, als erwartet. Die Möglichkeiten sind einfach zu zahlreich. Vielleicht brauche ich das ja irgendwann? Vielleicht auch nicht. Aber wenn ich es jetzt nicht einpacke, bereue ich es vielleicht später. Aber ich habe sowieso keinen Platz für alles, also sortiere ich aus, so gut es geht. Das Nötigste habe ich wohl dabei, überleben werde ich sicher.

Also ja, ich habe tatsächlich erst Montagmorgen ein paar Stunden vor Abreise gepackt. Ist ja nicht so, als hätte ich die letzten Tage genug Zeit gehabt. Aber der Vorteil ist, ich bin vor der Abreise beschäftigt. Der Zug fährt erst am Mittag.

Montag, 02.11.2026, 11.30 Uhr

Ich bin so früh am Bahnhof, dass ich noch einen Zug früher als geplant nehme. Ich finde ja die Ticketangaben immer sehr verwirrlich. Bei einigen kann man am entsprechenden Tag auf der Strecke fahren, bei anderen innerhalb von 90 Minuten und bei den Sparangeboten oder Auslandsreisen muss es meistens (oder immer, keine Ahnung) exakt diese Strecke sein. Und was dann gilt, wenn der Zug tatsächlich Verspätung hat und man ausweichen muss, ist auch überall verschieden. Je nach Land und je nachdem, worüber das Ticket gebucht wurde. Ich habe den Durchblick auf jeden Fall nicht. Was ich allerdings sagen kann, ist, dass mein Ticket Bätterkinden – Solothurn heute den ganzen Tag gültig ist. Also nutze ich die Chance, damit ich in Solothurn genug Zeit zum Umsteigen habe.

Montag, 02.11.2026, 17.30 Uhr

Bahhh, ich habe keine Lust mehr, im Zug zu sitzen. Es ist echt lang und langweilig. Ich habe Schweissausbrüche. Normalerweise friere ich im Zug immer, darum habe ich jetzt mehr an. Warme Klamotten brauche ich für den Winter schliesslich sowieso, also bin ich ein bisschen wie Heidi unterwegs. Bisher hat alles gut geklappt. Jetzt bin ich im Zug von Basel nach Hamburg. In Hamburg habe ich nur etwas mehr als eine halbe Stunde Zeit, um umzusteigen. Wieso habe ich nicht mehr Zeit eingeplant? Es sind immer noch 3.5h und dann noch fast 12h im Nachtzug. Falls ich den erreiche und er planmässig fährt. Ich habe schon jetzt keine Lust mehr und das Sitzen fühlt sich endlos an. Ich habe den ganzen Nachmittag gelesen. War okay, aber langsam werde ich müde. Schlafen oder besser gesagt dösen kann ich nachher im Nachtzug. Jetzt will ich eigentlich möglichst wach bleiben um nachher einigermassen handlungsfähig zu sein. Bei jeder Verspätung werde ich nervös. Obwohl es ja noch eine Weile geht und es sowieso ständig ändert, aber trotzdem. Finde ich schon etwas mühsam, dass man sich nicht auf die Ankunftszeiten verlassen kann...

Montag, 02.11.2026, 22.15 Uhr

Phuuu, die letzten paar Stunden waren ein bisschen stressig. Die Verspätung ist immer hin und her gependelt und ich war nicht mehr ganz so überzeugt, dass es reichen wird. Aber der Zug war rechtzeitig in Hamburg und jetzt sitze ich im Nachtzug nach Stockholm. Ich hoffe, ich kann ein bisschen schlafen, müde wäre ich. Aber das Sitzen ist anstrengend und die Sitze hier sind so unbequem. Aber egal, Hauptsache es hat gereicht. Morgen geht es dann weiter ab Stockholm bis Kramfors.

Dienstag, 03.11.2026, 08.45 Uhr

Irgendwann am Morgen fängt es plötzlich an, durchdringend zu piepen. Das Geräusch macht mich wahnsinnig. Es ist sowieso ein Ton, den man nicht lange hören will – was wohl auch der Sinn davon ist – und dann noch übermüdet am Morgen früh. Zudem frage ich mich, ob eine Reaktion nötig ist. Ein netter Weckruf ist es ja wohl kaum. Die Zugbegleiter laufen irgendwann auf dem Gang rum, zielstrebig, aber nicht gestresst, informieren tun sie nicht. Also geht die Welt wohl noch nicht unter. Nach ungefähr 5 Minuten hört das grässliche Piepen dann auf. Irgendwie kommt es mir bekannt vor, ich glaube, das habe ich letztes Jahr im Nachtzug auch schon erlebt. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es nicht ganz so lange gedauert hat. Eine Weile später kommt die Durchsage, dass man doch bitte keine Deos und Haarsprays im Zug benützen soll, auch nicht auf den Toiletten. Sonst geht der Feueralarm los. Ah ja, macht Sinn. Und ich erinnere mich, dass das beim letzten Mal genau das Gleiche war.

Dienstag, 03.11.2026, 09.15 Uhr

Es ist so schön in Schweden. Ich liebe es. Überall Seen. Die typischen roten Häuschen. Viele Wälder mit grünen Nadelbäumen und gelb gefärbten Birken. Nach dem Morgennebel nun Sonne und blauer Himmel.

Ich freue mich, hier zu sein. Gestern vor der Abreise war ich nicht so überzeugt davon und am Abend übermüdet im Nachtzug dann sowieso nicht mehr. Aber jetzt mit dieser Landschaft vor Augen fühlt es sich richtig an.

Ich glaube, so viel habe ich im Nachtzug noch nie geschlafen. Unbequem wie immer, aber zur Abwechslung hatte ich mal nicht so kalt. Und relativ viel Platz, um die Beine auf der Sporttasche auch mal etwas gerade halten zu können. Irgendwann tat trotzdem alles weh und ich habe mir gedacht, dass ein Platz im Schlafwagen sicher bequemer wäre.

Mein Argument ist immer, dass ich ja sowieso schlecht schlafe, dann will ich nicht mehr als nötig dafür ausgeben. Aber bequemer ist es sicher. Ich überlege es mir fürs nächste Mal. Und werde garantiert wieder im Sitzabteil landen und über knappe Umsteigezeiten zittern. Apropos knappe Umsteigezeiten. Eigentlich dachte ich ja, dass ich in Stockholm mehr als genug Zeit habe. Bis heute Morgen die Zugführerin plötzlich die Durchsage gemacht hat, dass wir mit zwei Stunden Verspätung unterwegs sind. Aha, schön. Damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Wahrscheinlich reicht es knapp auf den nächsten Zug. Ich hoffe, dass die Zeit auch noch reicht, um Wasser zu kaufen. Sonst gibt es auf jeden Fall Kopfschmerzen. Meistens habe ich ja zu viel von allem dabei, aber manchmal überlege ich nicht richtig und dann ist es doch auch Mal zu wenig. Das Wasser wäre schon bis zur normalen Ankunftszeit in Stockholm eher knapp gewesen. Aber das habe ich mir nicht überlegt. Obwohl ich ja wusste, dass ich beim Umsteigen immer nur knapp Zeit haben werde. Das war wohl das Problem, ich war völlig fokussiert auf meine besorgten Überlegungen, ob’s wohl reichen wird. Egal. Immerhin verkaufen sie im Zug Kaffee, damit ich zumindest darauf nicht verzichten musste. Ich habe ihn sogar gratis erhalten. Die Person vor mir hat noch bezahlt. Als ich bestellt habe, kam gerade ein Kollege des Verkäufers vorbei und sagte, er habe den Kaffee jetzt einfach ausgeschenkt. Wahrscheinlich wegen der Verspätung. Das nehme ich sehr gerne.

Dienstag, 03.11.2026, 12.30 Uhr

Es hat gerade so auf den Zug gereicht. In ungefähr 5min einmal quer durch den Bahnhof mit schwerem Rucksack und Reisetasche. Alles andere als praktisch. Ausserdem hasse ich es, wenn die Umsteigezeit so knapp ist, dass es noch reichen könnte, vielleicht aber auch nicht. Ich habe mal wieder Glück und komme ausser Atem aber rechtzeitig an. Das Bordbistro verkauft sogar Wasser, perfekt. Und ein Kaffee muss natürlich auch nochmal sein.

Dienstag, 03.11.2026, 13.30 Uhr

Nördlich von Stockholm sind die Birken schon kahl, die farbliche Herbstpracht fehlt. Schön finde ich es trotzdem. Es fühlt sich schon ein bisschen an, wie nach Hause kommen. Es gefällt mir auch, wieder Schwedisch zu hören. Auch wenn ich immer noch nicht viel verstehe und immer auf Englisch ausweichen muss. Vielleicht sollte ich anfangen, Schwedisch zu lernen. Und auch wenn die Reise lange und anstrengend ist, schätze ich es sehr, mit dem Zug unterwegs zu sein. Man kommt Schritt für Schritt langsam an und sieht, wie sich draussen die Landschaft langsam verändert. Daran erinnere ich mich von der Heimreise noch gut. Im Frühling war die Veränderung der Landschaft sehr interessant. Während in Nordschweden im Schatten noch die letzten Schneehaufen lagen und erst ein paar Pflanzen den Blühversuch wagten, war in Südschweden schon alles am Blühen. Ich habe sogar noch blühende Rapsfelder gesehen. Eins meiner liebsten Frühlingsbilder. In der Schweiz war zu dem Zeitpunkt der Raps bereits verblüht.

Dienstag, 03.11.2026, 15.30 Uhr

Es dämmert. Ich habe neulich gerade in einem Newsletter gelesen, dass jetzt die dunkelsten 7 Wochen anbrechen. Und dunkel ist nun Mal in Nordschweden noch eine ganze Ecke dunkler als zu Hause. Die Stirnlampe ist da wirklich mein bester Freund. Auch wenn ich mich noch gut daran erinnere, wie ich mich darüber genervt habe, das Ding den ganzen Tag auf dem Kopf zu haben. Wenn ich die Seiten eng genug angezogen habe, damit sie auch bei Bewegung sass, war das Batterienstück schräg am Hinterkopf und hat mich gestört. Aber immerhin sehe ich so etwas, ich will also nicht jammern.

Dienstag, 03.11.2026, 17.00 Uhr

Es ist stockfinster, ich bin müde und es fühlt sich an, als wäre es mitten in tiefster Nacht. Ich habe gerade gar keine Lust, jetzt noch an einem fremden Ort anzukommen. Noch eine halbe Stunde…