08.10.2026 / Via Jacobi / Curtilles bis Montpreveyres
19.1km / 460m rauf, 240m runter / 3h 31min Laufzeit / 05.54min unterwegs
Regen, Regen, Regen / Übernachtung in der Gîte El Jire

Regentag

Am Morgen bin ich absolut unmotiviert und habe keine Lust auf den Tag. Es ist mir zuwider zu laufen, nicht zu wissen wo ich übernachten werde und nichts passt mir wirklich. Am sympathischsten wäre mir eine Pilgerherberge, aber die ist nur 20 Km entfernt, Ankunft ab 16.00 Uhr. Was soll ich dann bei Regen den ganzen Tag draussen machen? Aber das Nächstbeste wäre dann in Lausanne und das ist wieder etwas weit, vor allem bei Regen...

Für 7.30 Uhr habe ich mich zum Frühstück angemeldet, also verschiebe ich meine Grübelstunde auf später, packe schon mal meine Sachen und gehe runter. Das Frühstück mit M. entpuppt sich als sehr gemütlich und bereichernd. Ich schliesse die ältere Dame sofort ins Herz und höre ihr gerne zu. Bis um 10 Uhr sitzen wir in der Küche und plaudern. Sie empfiehlt mir auch die Herberge in der Nähe und da ja nun der halbe Morgen schon vorbei ist, akzeptiere ich endlich, es heute ein bisschen gemütlicher zu nehmen.

Morgenmotivation

Als ich loslaufe, regnet es noch nicht und ich mache schonmal eine kurze Pause. Danach geht es weiter nach Moudon, wo ich einkaufen gehe. Kurz danach fängt es stärker an zu regnen. Als ich an einer gedeckten Bank vorbeikomme, nütze ich darum die Chance und mache schon wieder eine Pause. Zu früh ankommen will ich nämlich nicht, sonst muss ich irgendwo im Regen warten. Kaum abgesessen sehe ich von weitem den Eisvogel auf einem Ast sitzen und kurz darauf wegfliegen. Auch wenn es nur ein kleiner Vogel in grosser Umgebung ist, mein Blick fällt oft wie zufällig auf ihn. Ich geniesse meinen eben gekauften Kaffee und etwas Süsses und sitze eine Weile da. Bis es mir zu kalt und langweilig wird, nur rumzusitzen.

Ich bin trotz Regen sehr motiviert unterwegs. Die Regenjacke und der Rucksackschutz sind montiert. Meinen Schlafsack und die Kleider habe ich im Rucksack heute Morgen noch in einen Plastiksack gesteckt, weil ich die Regendichtigkeit noch nie getestet habe. Auf die Regenhosen verzichte ich erstmal. Ein bisschen was halten die Outdoorhosen auch ab. Irgendwann sind sie allerdings auch durchnässt. Aber jetzt macht es keinen Sinn mehr, die Regenhosen anzuziehen.

Kaaalt 

Gegen Nachmittag fällt meine Laune dann wie üblich in eine tiefere Etage. Es ist kalt und ungemütlich. Zudem bin ich nicht mehr weit von der Unterkunft entfernt, es ist aber noch zu früh. Irgendwann mache ich im Wald nochmal einen Halt, unter ein paar Bäumen versteckt, damit ich nicht ganz so nass werde. Mich frierts. Hätte ich mal die Regenhosen heute Morgen angezogen. Nach einer Weile laufe ich den Weg, den ich gerade gekommen bin zurück, um ihn danach nochmals hochlaufen zu können. Jetzt sogar freiwillig die Steigung hoch. Aber das gibt wenigstens ein bisschen warm. Dann beschliesse ich, Richtung Unterkunft zu laufen. Ich bin so langsam wie möglich unterwegs und komme tatsächlich nur kurz vor 16.00 Uhr an und werde von F. sogar auf Deutsch begrüsst. Die zweite Freiwillige D. spricht Französisch.

El Jire

Als erstes gehe ich duschen, um die nassen Kleider loszuwerden. Meine Hände kribbeln, mir ist gar nicht aufgefallen, dass die immer noch so kalt sind. Es fühlt sich grossartig an, trockene Sachen zu tragen und an der Wärme zu sein. Ich hänge die nassen Sachen auf und räume den Rucksack aus. Da ich ihn nach hinten geneigt und nicht direkt am Rücken getragen habe, ist der Rucksack oben auch im Innern ein bisschen nass. Der äussere Schutz hat aber gut gehalten und meine Sachen sind grundsätzlich noch mehr oder weniger trocken. Danach kommt die informative Einweisung in die Herberge.

Die Pilgerherberge Gîte El Jire befindet sich in Montpreveyres, im Dachstock des Pfarrhauses. Direkt neben der Kirche, ausserhalb des Dorfes und in Waldnähe. Die Unterkunft wurde neu ausgebaut und erst im Sommer eröffnet. Es sind immer zwei Freiwillige anwesend, die sich um die Pilger kümmern, sie begrüssen und sogar bekochen. Es erstaunt mich, dass es auch in der Schweiz Pilgerherbergen gibt, in denen Freiwillige für eine bestimmte Zeit wohnen und die Pilger versorgen. Die Herberge ist wunderschön, alles mit Holz gemacht. El Jire bedeutet auf Hebräisch "Gott wird sorgen". Für jeden Pilger gibt es bei der Ankunft einen Fünfliber. Auf der Aussenseite der Münze steht Dominus providebit eingrafiert - "Der Herr wird versorgen". Ich habe ehrlich gesagt gar nicht gewusst, dass auf dem Rand etwas steht. Die Bezahlung in der Herberge beruht auf Spenden, man kann also je nach seinen eigenen Möglichkeiten zahlen. Es ist alles sehr liebevoll und herzlich gemacht und ich bin sehr froh, mich für diese Unterkunft entschieden zu haben und diesen Ort kennenzulernen. 

Gut geplant ist halb gewonnen

Den Rest des Nachmittags sitze ich mit F. und D. unten am Tisch. D. gibt mir ein paar Tipps zum Weg in Frankreich und erklärt mir unter anderem, dass die Strecke nicht an vielen Bahnhöfen vorbeiführt und ich mir überlegen soll, wo ich den Weg beenden will. Ausweichmöglichkeiten mit Bus oder Zug gibt es auf der Via Gebennensis kaum. Gut zu wissen, das habe ich mir noch gar nicht überlegt. F. kümmert sich derweil als ehemaliger Koch eines Spitzenrestaurants um das Abendessen. Nach dem sehr leckeren, dreigängigen Menü, verabschiede ich mich früh ins Bett. Ich bin mal wieder müde und die Mischung aus deutscher und französischer Unterhaltung hat sein übriges dazu beigetragen.

Bevor ich allerdings schlafen gehe, starte ich meine Recherche zum Weg in Frankreich, der Via Gebennensis. Bisher weiss ich nur den Namen und das, was D. mir vorhin erzählt hat. Eigentlich wollte ich mich ja zu Hause auch zu dieser Strecke informieren, die Zeit hat aber nicht gereicht. Wobei wohl eher das Problem war, dass ich meine Prioritäten mal wieder nicht ideal gesetzt habe. Insgeheim habe ich glaube ich auch nicht damit gerechnet, überhaupt bis Genf, geschweige denn Frankreich zu kommen. Jetzt bin ich aber unterwegs und will unbedingt auch auf der Via Gebennensis noch eine Weile weitergehen. Ich fange an zu recherchieren und höre irgendwann entmutigt auf. Mit den Unterkünften ist es in Frankreich auch nicht so einfach. Für die Schweiz findet man alle Informationen online, es gibt Listen mit Unterkünften, auch mit Angeboten von Privatpersonen. Da komme ich mit meiner Planlosigkeit und mangelnder Vorbereitung ganz gut durch. Für Frankreich findet man online allerdings nicht viel. Nur immer wieder die Empfehlung, welche Reiseführer in Buchform man kaufen soll. Tja, dafür ist es jetzt ein bisschen zu spät, hätte ich mich wohl früher drum kümmern sollen. Verärgert über mich selber beschliesse ich, erstmals zu schlafen.