11.10.2026 / Luzernerweg / Bern bis Rüeggisberg
24.6Km / 800m rauf, 430m runter / 4h 20min Laufzeit / 6h 01min unterwegs
strahlender Sonnenschein / Übernachtung bei D.
Und los geht's
Heute geht es also los. Gestern fand ich meine Idee mal wieder ganz bescheuert und habe mich gefragt, wieso zum Teufel ich das eigentlich machen will. Und ob ich es überhaupt machen soll, ich könnte ja auch einfach gemütlich zu Hause bleiben. Geschlafen habe ich dann zum Glück ganz gut und am Morgen bin ich motiviert und zuversichtlich. Jetzt freue ich mich wieder auf mein Vorhaben. Zuerst erledige ich zu Hause ein paar liegen gebliebene Sachen, packe mein Zeugs zusammen und laufe dann gegen Mittag zum Bahnhof, um mit dem Zug nach Bern zu fahren.
Zuerst geht es durch die Stadt hindurch bis zum Bärenpark, wo ich wieder auf den Weg komme. Die Bären sind gerade draussen am Rumstreunen und ich beobachte sie eine Weile. Obwohl ich früher auf dem Arbeitsweg täglich mit dem Bus vorbeigekommen und die Strecke auch oft gelaufen bin, habe ich die Bären bisher noch fast nie gesehen. Ich habe mir nie die Zeit genommen, hier überhaupt durchzulaufen. Irgendwie finde ich es aber auch kein sonderlich schöner Gedanke, dass die Bären eingesperrt mitten in der Stadt leben. Mich berühren Wildtierbegegnungen vor allem in der freien Natur, wenn die Tiere da sind, wo sie hingehören. Auf den nächsten paar Kilometer mache ich mir meine Gedanken zu Zootieren und dass ich eigentlich gerne mal einen Bären in freier Wildbahn sehen würde.



Der gemütliche Start
Die Strecke ist gut ausgeschildert und ich treffe auf die ersten Wegweiser mit der Nr. 4, der Signalisation der Via Jacobi. Die Richtung nach Santiago de Compostela ist blau eingerahmt und zeigt in der rechten Ecke die typische Muschel. Das Wetter ist super, die Sonne scheint und der erste Teil der Aare entlang ist ganz gemütlich. Ich bin gleich völlig übermotiviert und überlege schon, ob ich die heutige Strecke nicht doch noch ein bisschen verlängern soll. Übernachtungsgelegenheit habe ich schliesslich noch keine. Eigentlich wollte ich das vor dem Loslaufen machen, aber dann habe ich es lieber noch ein bisschen vor mich hergeschoben und bin erstmal gestartet.



Schluss mit lustig
Irgendwann ist Schluss mit gemütlichem Geradeausspazieren und die Strecke führt bergauf. Das bin ich mir nicht gewöhnt und ich bin auch nicht so wahnsinnig fan davon. Der Schweiss läuft mir in Strömen runter und ich maule innerlich vor mich hin. Irgendwann mache ich an einem schattigen Platz etwas abseits des Weges eine Mittagspause, esse etwas und schreibe die erste Unterkunft an. Eine Privatperson in Rüeggisberg, die Pilger bei sich übernachten lässt. Nach einer Weile erhalte ich die Zusage, dass ich gerne bei ihr übernachten kann. Die erste Hürde wäre also schon mal geschafft und ich weiss jetzt, wo ich heute Nacht schlafen werde. Der steilste Anstieg ist auch geschafft und ich kann noch eine Weile die wunderschöne Aussicht geniessen.


Ankunft und eine schöne Begegnung
Als ich gegen Abend in Rüeggisberg ankomme, ist meine erster Gedanke, mir etwas Kaltes zu trinken zu kaufen. Dieses Berghochrennen hat mich ziemlich geschlissen. Im Dorf sehe ich einen Wegweiser Richtung Dorfegge, das scheint ein Treffpunkt für das Dorf zu sein. Tatsächlich finde ich eine Cola und eine vegane Rhabarber-Erdbeerglace, um mich runterzukühlen. Kurz nach mir kommt ein älteres Ehepaar rein und die Frau fragt mich sofort, ob ich mit meinem Rucksack auf dem Pilgerweg unterwegs bin. Das Erkennungszeichen der Pilger, die Jakobsmuschel, habe ich mir zwar gekauft, aber weil mich die baumelnde Muschel am Rucksack und das auffällige Erkennungszeichen bei den Probewanderungen gestört hat, habe ich sie tatsächlich zu Hause gelassen. Als Pilgerin werde ich nun aber doch erkannt. Ich bejahe und sie erzählt mir, dass sie selber zur Pension mit 64 Jahren für 64 Tage auf dem Jakobsweg unterwegs war. Für jedes Lebensjahr einen Tag. Ich finde das eine grandiose Idee. Sie erzählt noch ein bisschen von ihrem Weg, dann drückt mir ihr Mann eine Zehnernote in die Hand, "für die junge Pilgerin" und die beiden verabschieden sich. Eine sehr schöne und aufhellende Begegnung nach diesem anstrengenden ersten Tag.
Ich mache mich auf den Weg zu meiner Unterkunft und werde freundlich von D. empfangen. Sie zeigt mir die Unterkunft für die Pilger. Es hat Platz für vier Leute, aber heute Nacht bin ich alleine und gerade sehr froh darüber. Ich bin völlig durch und gehe um sieben ins Bett. Das auf und ab hat mich gekillt. Hauptsache liegen. Mein Kopf ist so gefüllt, dass ich nur noch schlafen will. Mir tut so ziemlich alles weh. Vor allem die Füsse und die Hüften. Es wäre wohl schlau gewesen, vorher nicht nur die Strecke, sondern auch mal das Höhenprofil anzuschauen... Hoffentlich gewöhne ich mich noch ein bisschen an den Rucksack, heute hat er sich ziemlich nach Ballast angefühlt. Zum Glück ist die Unterkunftsbuchung so spontan möglich, dann kann ich morgen schauen, wie weit ich laufen mag.
