13 Tage, 402 Kilometer, 7'010m aufwärts und 7'080m abwärts. Durchschnittlich 30.9 Kilometer pro Tag mit einem Höchstwert von 42 Kilometern und einem gemütlichen Abschluss von 10.5 Kilometern. Das waren meine zwei Wochen auf dem Jakobsweg von Bern bis Le-Grand-Lemps. Unterwegs auf der Via Jacobi und der Via Gebennensis. 

Inhalt

Etappenübersicht

Nachfolgend meine einzelnen Tagesetappen und die entsprechende Kilometeranzahl dazu. Ich laufe gerne viele Kilometer pro Tag, würde die Streckenlänge aber nicht jedem empfehlen. Im Reisetagebuch Jakobsweg habe ich zu jedem Tag bzw. zu jeder Etappe einen Beitrag geschrieben und erzähle von meinen Erlebnissen.

Tag 1, Bern - Rüeggisberg, 24.6 Kilometer

Tag 2, Rüeggisberg - Freiburg, 30.4 Kilometer

Tag 3, Freiburg - Curtilles, 39.5 Kilometer

Tag 4, Curtilles - Montpreveyres, 19.1 Kilometer

Tag 5, Montpreveyres - Morges, 31.7 Kilometer

Tag 6, Morges - Gland, 29.9 Kilometer

Tag 7, Gland - Genf, 41.3 Kilometer

Tag 8, Genf - Charly, 30.7 Kilometer

Tag 9, Charly - Desingy, 28.1 Kilometer

Tag 10, Desingy - Crémon, 35.3 Kilometer

Tag 11, Crémon - Saint-Genix-sur-Guiers, 38 Kilometer

Tag 12, Saint-Genix-sur-Guiers - Châbons, 42 Kilometer

Tag 13, Châbons - Le-Grand-Lemps, 10.5 Kilometer

Allgemeine Informationen und Tipps

Pilgern im Oktober

Ich war vom 05. bis am 17. Oktober unterwegs und hatte grosses Glück mit dem Wetter. Wenig Regen und viel Sonnenschein. Dabei war es teilweise fast sommerlich heiss. Für mich ist nun definitiv klar, dass ich nicht im Sommer auf dem Jakobsweg unterwegs sein möchte. Ich bin aber allgemein kein Fan von heissem Wetter. Im Herbst kann es dafür natürlich sein, dass man mehr Regentage abkriegt. Das stelle ich mir bei Herbsttemperaturen auf Dauer nicht so angenehm vor. Das Wetter ist aber nun mal nicht planbar. Für mich punktet der Herbst mit den Temperaturen und den wunderschön verfärbten Wäldern. Später im Herbst muss man dann auch mit den Übernachtungen besser aufpassen und gegebenfalls vorbuchen, da einige Herbergen ab Mitte bis Ende Oktober über den Winter geschlossen sind. 

Navigation

Ich habe meine Tagesetappen auf Komoot aufgezeichnet. Die auf dem Blog angegebenen Kilometerzahlen, Höhenmeter und Zeitangaben kommen alle von da. Zur Streckennavigation und Unterkunftssuche habe ich die App Camino Ninja verwendet. Die Streckenangaben der App haben dabei nicht immer mit den Wegmarkierungen übereingestimmt. Ich bin meistens den Markierungen gefolgt, ab und zu auch der App, wenn mich dieser Weg mehr überzeugt hat. Ans Ziel bin ich auf jeden Fall immer gekommen. Das Praktische an der Camino Ninja App ist, dass man mit dem Planer die Etappen vorplanen kann und dann auch gleich sieht, welche Unterkünfte es gibt. Für mich war das ein einfacher Weg, die Etappen anhand der Länge zu planen. Ich habe das Ende der Tagesetappe so gewählt, dass ich von der Kilometeranzahl überzeugt war und habe dann in der App geschaut, wo ich übernachten kann. Zusätzlich habe ich zur Unterkunftssuche in der Schweiz online zugängliche Listen genutzt, sowie Booking und in Frankreich Airbnb. Die angegebenen Kilometerzahlen waren meistens in der App etwas tiefer angegeben, als was ich dann schlussendlich gelaufen bin. Mühsam war vor allem, dass ich immer wieder aus der Kartenansicht rausgeschmissen wurde, wenn ich die App eine Weile nicht aktiv genutzt habe. Alles in allem fand ich die App aber praktisch und werde sie bei einem nächsten Mal sicher wieder brauchen. Es gibt auch noch andere Pilgerapps, wie zum Beispiel Camino Love, Buen Camino, Wise Pilgrim und weitere. Diese habe ich aber nicht ausprobiert.

Ausrüstung

Ich habe mir für den Jakobsweg einen neuen Rucksack gekauft und bin bei einem 28L Deuter gelandet. Für diese erste längere Wanderung war ich damit sehr zufrieden. Für mich war der Rucksack gross genug, sodass alles gut Platz hatte, aber nicht so gross, dass Überpackung zur Gefahr wurde. Besonders praktisch finde ich den Reisverschluss, mit dem man den Rucksack auch von vorne öffnen kann. Das hat mir das Packen und den Zugang unterwegs sehr erleichtert. Schuhe habe ich Salomon Trailrunner gekauft. Ich war von Anfang an überzeugt, den Weg nicht in Wanderschuhen sondern Trailrunnern zu gehen. Das hat sich auch bewährt und kann ich gut empfehlen. Getragen habe ich Outdoorhosen, je nach Wetter entweder ein T-Shirt aus Merinowolle oder einen Pullover aus Merinowolle und Holzfasern. Als zusätzliche Schicht hatte ich eine alte, dünne Baumwolljacke dabei, die ich meistens tagsüber beim Wandern um die Hüfte gebunden und bei Pausen wieder angezogen habe.

Eingepackt habe ich einen Schlafsack, der in vielen Herbergen Voraussetzung war. Einen Satz Klamotten für am Abend und in der Nacht. Flipflops um am Abend in der Unterkunft unterwegs zu sein und fürs Duschen. Ein kleines Handtuch, ein paar Toilettenartikel, ein schmales Erste Hilfe Set. Ein paar Büro Foldback Klammern und ein Stück Schnur um meine Kleider nach der Handwäsche aufhängen zu können. Einen Plastiksack zum draussen Draufsitzen, den ich am stärksten Regentag als zusätzlichen Schutz für Schlafsack und Kleiderbeutel gebraucht habe. Einen Sonnenhut, Buff, Regenjacke und Regenhosen. Eine Powerbank und Ladekabel, Kopfhörer. Kleinkram wie Taschenmesser, Feuerzeug, Desinfektionsmittel, Taschentücher. Eine kleine Bauchtasche für Geld (teilweise kann man in den Unterkünften nur Bar bezahlen) und Karten (Ausweis, Krankenkassenkarte, Bankkarte, Bahnkarte). Und natürlich mein Pilgerpass. Eine 1L Edelstahl Trinkflasche und einen Plastik-Göffel (Löffel und Gabel in einem). Zudem hatte ich immer eher zu viel Essen dabei und manchmal noch eine zusätzliche Petflasche mit Wasser, was auch nicht unbedingt nötig gewesen wäre.

Das Einzige, was mir unterwegs gefehlt hat und ich beim nächsten Mal mitnehmen werde, sind Ohrstöpsel. Taschentücher hatte ich definitiv zu viele dabei, die hätten vermutlich bis nach Santiago gereicht. Für die Regentage würde ich bei einem nächsten Mal ein anderes System versuchen. Das Problem bei meinen Regenhosen war sicher, dass sie mir nicht gepasst haben. Aber ich denke, ich wäre zum Wandern auch sonst nicht überzeugt davon gewesen. Im Sommer würde ich vermutlich ohne losgehen, die Outdoorhosen halten auch ein bisschen etwas ab und trocknen schnell. Im Herbst ist es allerdings sehr ungemütlich, in nassen Outdoorhosen zu frieren, das habe ich ausprobiert. Es gäbe auch Regenröcke oder Regenponchos und etwas davon probiere ich beim nächsten Mal aus. Ansonsten war ich mit meiner Ausrüstung in diesen zwei Wochen sehr zufrieden.

Französisch

Mein Schulfranzösisch ist mittlerweile schon ziemlich eingerostet und die Kommunikation auf Französisch hat mich ein bisschen abgeschreckt. Es war auf dem Weg aber eigentlich ganz einfach. Es ist sicher hilfreich, ein paar Sätze zu können, aber mit Englisch kommt man auch ganz weit. Ich musste ein paarmal die Konversation von Englisch wieder auf Französisch wechseln, weil ich auf Französisch üben wollte und meine Gastgeber mir wohl auf Englisch die Kommunikation erleichtern wollten. Oder sie hatten keine Geduld, bis ich meine Sätze zusammengebastelt habe, wer weiss.

Ein paar nützliche Übersetzungen, die ich unterwegs gelernt habe: der Jakobsweg heisst übersetzt Chemin de Saint-Jacques de Compostelle, das habe ich aber nie jemanden sagen hören. In Frankreich wird das Ganze abgekürzt auf Chemin de Compostelle. Eine Gîte ist eine Herberge, einen Pilger nennt man pèlerin bzw pèlerine für Pilgerin und der Pilgerpass ist la carte de pèlerin. Um eine Unterkunft anzufragen, braucht es in Frankreich die Telefonvorwahl +33. Die erste Ziffer, die bei der Telefonnummer genannt wird, geht von 1-5 für Festanschlüsse nach Zonen aufgeteilt und von 6 bis 7 für das französische Mobilfunknetz. Wenn also eine Handynummer mit Anfangsziffer 6 oder 7 angegeben war, habe ich meistens eine SMS geschrieben, um nicht auf Französisch telefonieren zu müssen.

Die Jakobsmuschel

Die Wegweiser werden oft von der Jakobsmuschel geziert und viele Pilger tragen eine Jakobsmuschel als Erkennungszeichen am Rucksack. Die Muschel wurde übrigens früher erst bei der Ankunft in Santiago de Compostela gekauft und meistens am Hut befestigt. Sie galt somit als Nachweis, in Santiago angekommen zu sein. Heute gibt es bei der Ankunft eine Pilgerurkunde, die man mit den Stempeln im Pilgerausweis erhält.

Das Muschelsymbol kommt von einer Legende. Diese besagt, dass ein junger Ritter dem Schiff mit der Leiche des Apostels Jakobus entgegenritt, sein Pferd beim Anblick der Leiche scheute und seinen Reiter ins Meer warf. Daraufhin wurde dieser von Jakobus gerettet und war beim Auftauchen aus dem Wasser über und über mit Jakobsmuscheln behängt. Diese gilt seither als Symbol des heiligen Jakobus, welcher einer der zwölf Jünger von Jesus war und in Santiago de Compostela begraben sein soll.

Via Jacobi

Es gibt mehrere Anschlusswege, die auf die Via Jacobi führen. Um meinen Weg vor der Haustür starten zu können, bin ich von Kräiligen bis Bern auf dem Baslerweg gepilgert. Dies in zwei Tagesetappen vor dem eigentlichen Start. Danach war ich von Bern bis Rüeggisberg auf dem Luzernerweg unterwegs und ab da dann offiziell auf der Via Jacobi und konnte dieser bis Genf folgen.

Die Via Jacobi verläuft auf rund 450 Kilometern von Rorschach am Bodensee bis nach Genf. Markiert ist die Strecke als Route 4. Richtung Santiago de Compostela ist die grüne Markierung mit einem blauen Band umrahmt und in der rechten Ecke befindet sich die typische Jakobsmuschel.

Unter Camino Europe gibt es Listen mit Unterkünften sowie GPS-Dateien der Strecke zum Downloaden. Auf Komoot gibt es die Via Jacobi bereits als vorgefertigte Sammlung. Die Strecke ist sehr gut markiert, ich habe mich nur ab und zu in den Städten verirrt. Das lag aber nicht unbedingt an den Markierungen ;).

Unterkunftsmöglichkeiten gibt es auf der Via Jacobi in den meisten Orten genügend. Es gibt ein paar Pilgerherbergen, zudem Jugendherbergen oder Privatpersonen, die Pilger bei sich zu Hause unterbringen. Die Listen werden aktuell gehalten, trotzdem kann es sein, dass sich schon nach ein paar Monaten etwas geändert hat und jemand keine Pilger mehr beherbergen kann. Da die schweizerischen Bus- und Zugverbindungen sehr gut sind, sollte es zur Not auch möglich sein, am Abend noch in einen anderen Ort zu kommen. Hotelübernachtungen sind ebenfalls möglich, gehen einfach entsprechend ins Geld.

Ich habe in der Schweiz nur wenige andere Pilger getroffen. Da es so sonnige und schöne Tage waren, waren trotzdem meist viele Menschen unterwegs. In den Pilgerunterkünften war ich aber oft alleine und hatte somit eine Privatunterkunft im Mehrbettzimmer.

Meine Empfehlungen für die Via Jacobi: In Montpreveyres in der Gîte El Jire übernachten. Eine neu und sehr liebevoll umgebaute Pilgerherberge. Mehr dazu in meinem Tagebucheintrag. In Gland in der Gîte pour pèlerins de Gland übernachten und im dort angegebenen Restaurant essen gehen. Das habe ich nicht gemacht, aber es klang bei anderen Pilgern sehr lohnenswert. Auch mal bei Privatpersonen übernachten. Den Austausch mit diesen Leuten empfand ich als sehr bereichernd.

Via Gebennensis

Die Via Gebennensis führt auf ca. 350 Kilometern von Genf nach Le Puy-en-Valey durch die Region Rhônes-Alpes. Der Weg entspricht grösstenteils dem Fernwanderweg GR 65. Die Wegmarkierung besteht somit sowohl aus den Jakobsmuscheln wie auch den rot-weissen Balken des GR 65. Am Anfang des Weges war die Richtung meistens noch mit Pfeil angegeben, nach einer Weile war sie von der Ausrichtung der Muschel abzulesen. Auch die Balken des GR 65 weisen dabei in Pfeilform direkt in die richtige Richtung.

Für die Übernachtungen eignet sich der Guide Jaune der Asscociation Rhône-Alpes des Amis de Saint-Jacques. Das dünne Büchlein gibt neben Übernachtungs- auch Einkaufsmöglichkeiten an und beinhaltet die GPS-Daten der Strecke. Als Übernachtungsmöglichkeiten findet man im Büchlein auch die Accueils Jacquaire. Das sind Privatpersonen, die Pilger beherbergen. Während man dieses Angaben für die Schweiz im Internet findet, gibt es die Informationen für Frankreich nur in gedruckten Reiseführern. In Frankreich habe ich diese Übernachtungsform nicht ausprobiert. Ich bin aber sicher, dass sich das, wie in der Schweiz auch, definitiv lohnt. Ich war ohne den Guide Jaune unterwegs, das ist also ebenfalls möglich, würde in mir aber für ein nächstes Mal vermutlich kaufen.

Die Einkaufsmöglichkeiten sind auf der Via Gebennensis spärlicher gesät, genauso wie die Zuganschlüsse. Ein Aussteigen ist also nicht ganz so einfach möglich und bei den Einkäufen macht es Sinn, ein bisschen weiter in die Zukunft zu denken und planen. Es ist aber nicht nötig, tonnenweise Essen mitzuschleppen, oder Angst zu haben, dass man nicht auch abbrechen und mit dem Zug weiterreisen kann. 

Die Via Gebennensis ist im Vergleich zu anderen Jakobswegen weniger häufig frequentiert, man kann also auf eine gewisse Abgeschiedenheit und Ruhe hoffen. Ich habe in Frankreich ungefähr gleich viele bzw. gleich wenige Pilger angetroffen wie in der Schweiz. Im Gegensatz zur Schweiz waren aber sonst kaum Menschen unterwegs. Ich habe oft stundelang niemanden gesehen und auch wenn die Strecke ab und zu durch Dörfer führt, kamen mir diese immer ein bisschen wie ausgestorben vor. Die Via Gebennensis hat mir somit sehr gut gefallen und genau das geliefert, was ich liebe - wunderschöne Landschaft und wenig Leute unterwegs. 

Ich bin bis Le-Grand-Lemps gewandert und habe von da den Zug zurück nach Hause genommen, weil ich leider nicht genug Zeit für die ganze Strecke hatte. Der Weg führt eigentlich bis Le Puy-en-Valey und von da kann man auf der Via Podiensis anschliessend weiter Richtung Santiago de Compostela pilgern.

Persönliche Reflexion

Meine Vorstellungen

Ich habe die körperliche Herausforderung gesucht, die Bestätigung, dass ich allein mit Rucksack unterwegs sein kann. Ich wollte die Landschaft geniessen, genügend Pausen machen und mich in Geduld üben. Meine Abneigung und Angst vor der täglichen Unterkunftssuche besiegen. Gedanklich wollte ich mir Notizen für den Blog machen und gleichzeitig einfach nur aufs Laufen fokussiert sein. Ganz schön viel aufs Mal. Und doch hatte am Ende alles irgendwie Platz.

Die körperlichen Herausforderungen

Am Anfang war die körperliche Herausforderung ganz automatisch da. Es ist doch etwas anderes, mehrere Tage am Stück wandernd unterwegs zu sein. Mit Rucksack. Dabei habe ich es völlig unterschätzt, wie gross der Einfluss des Rucksacks ist. Damit habe ich nicht gerechnet. Obwohl er gar nicht so schwer war, hat mich der Rucksack am Anfang sehr gestört. Rücken, Schultern, Hüften und Füsse haben mir teilweise deutlich mitgeteilt, dass die Belastung des Rucksacks nicht ohne ist. Gegen Ende habe ich mich daran gewöhnt, aber gespürt habe ich ihn teilweise immer noch. Vor allem aber ist er mir sehr ans Herz gewachsen, nachdem ich zwei Wochen damit gelebt und alles Notwendige darin transportiert habe und ihn jeden Morgen neu gepackt habe. Abgesehen vom Rucksack, der gegeben ist, habe ich mir die Herausforderung auch immer wieder selber gesucht mit langen Tagesetappen. Und auch wenn das zu ein paar sorgenvollen Gedanken und ab und zu ein bisschen Stress geführt hat, mochte ich die sportliche Herausforderung. Und auch im Nachhinein ist es eine schöne Bestätigung, was alles geht. 

Pausen machen und geduldig sein

Ich habe unterwegs eher wenig Pausen gemacht. Ich habe aber gemerkt, dass Pause machen im Moment auch einfach nicht das ist, was ich will. Ich will gar nicht stundelang irgendwo sitzen. Ich will laufen, in Bewegung sein. Ich bin ein bisschen getrieben, geniesse dieses Gefühl aber auch. Die Energie, den Vorwärtsdrang. Ich will meine Grenzen erreichen und verschieben. Pause machen kann ich später immer noch. Der Hintergrund meiner Überlegungen ist, dass es beim Pilgern ja auch um das Innere geht, das Erfahren, Erleben, die Begegnungen und nicht, möglichst schnell von A nach B zu kommen. Das hatte aber trotzdem Platz auf meinem Weg und zwischendurch ist es mir dabei gelungen, auch einfach mal nur die Landschaft zu geniessen und zu sein. Und die Gedanken konnten beim Laufen sehr gut fliessen. 

Und zum geduldig Sein, das war ich noch nie wirklich. Ein bisschen Geduld habe ich gelernt. Aber ich weiss nicht, ob das auch einfach davon kommt, das ich gerade völlig frei in meiner eigenen Welt unterwegs bin und nicht im Arbeitshamsterrad gefangen bin. Ich merke, dass ich mich mittlerweile viel weniger über Dinge ärgere, die ich soweiso nicht ändern kann. Ich hoffe, dass mir das bleibt. Ich verwende meine Energie lieber auf Dinge, die ich aktiv verändern kann als mich über Gegebenheiten zu ärgern, die ich nicht beeinflussen kann.

Unterkunftssuche

Am Anfang habe ich spontan von Tag zu Tag für die Übernachtung geschaut. Das war mir aber dann zu stressig. Ich habe zu viel Zeit mit über die Unterkunft nachgrübeln und mich sorgen verbracht. Zudem bin ich oft einfach stehen geblieben, um zu planen. Ohne eine richtige Pause zu machen und mich auszuruhen und ohne die Landschaft zu geniessen. Einfach kurz Vollbremsung und Handy vors Gesicht zur Organisation. Irgendwann bin ich dann dazu übergegangen, zwei, drei Tage im Voraus zu planen und wo möglich zu buchen. Das finde ich für mich sehr passend. An einem Abend in Ruhe ein paar Tage vorplanen und das dann gedanklich abhaken. Länger im Voraus planen fände ich schwierig, da ich nicht weiss, was ich wann auf dem Weg brauche. Wann brauche ich einen Pausentag? Wann einen Tag mit weniger Kilometern? Das zeigt sich erst unterwegs. Ich war ja sehr zufrieden mit meinen vollgepackten und langen Tagen. Aber so, wie es meinen Füssen am Ende ging, hätte ich definitiv ein paar Tage mit weniger Kilometern oder sogar einen Pausentag einschieben müssen.

Bevor ich gestartet bin, hatte ich eine grobe Idee von der Unterkunftssituation in der Schweiz, vor allem weil diese ganz einfach in Listenform abrufbar war. Von Frankreich hatte ich keine Ahnung. Für ein nächstes Mal würde ich mich im Voraus besser informieren. Für ein erstes Unterwegssein, hat es so gut gepasst und mit dem jetzigen Wissen kann ich mir in Zukunft gezielter und sinnvoller die relevanten Informationen zusammensuchen. 

Die Unterkunftssuche war für mich anstrengend und mühsam und ich fand es teilweise schon nicht so toll, jeden Abend an einem anderen Ort bei anderen Leuten anzukommen. Aber es war auch nicht so schlimm, wie befürchtet. Als Pilger unterwegs zu sein führt zu einfachen Gesprächseinstiegen und gibt eine gute Grundlage für Unterhaltungen. 

Gedanken unterwegs

Auch gedanklich war unterwegs für alles Platz. Ich habe mir manchmal schon ganze Blogpassagen überlegt. Aufgeschrieben habe ich aber immer nur Stichwörter, da ich nicht gerne lange Texte auf der Handytastatur schreibe und auch nicht zu viel Zeit damit verbringen wollte. Nur ein paar Gedankenstützen bei zündenden Ideen oder allgemein stichwortartig, was der Tag so gebracht hat. Darüber war ich auch sehr froh, da ich mich im Nachhinein meist noch gut an die Situation erinnern konnte, die ich aufschreiben wollte, aber oft nicht mehr wussste, wann genau das jetzt gewesen war. Wenn ich nicht im Kopf schon meine Beiträge geschrieben habe, habe ich auch ganz oft Zukunftspläne geschmiedet und hatte immer neue Ideen, was ich noch so alles angehen könnte. Das habe ich sehr genossen, die Zeit und Musse zu haben, mir meine Zukunft in den schillernsten Farben auszumalen. Und ja, dabei kann ich auch über schmerzende Füsse und Wanderkoller jammern und gleichzeitig schon neue Wanderungen planen. Ab und zu war ich auch völlig gestresst unterwegs und habe mir allerlei Sorgen gemacht, vor allem zu den Übernachtungen. Oder ich hatte schlichtweg keine Lust mehr, mit schmerzenden Füssen weiterzugehen und habe mir innerlich etwas vorgejammert. Und manchmal war es auch einfach so anstrengend, dass ich gar nichts mehr gedacht habe, gerade beim Bergauflaufen. 

Gespräche unterwegs

Ich war auf dem Weg meistens alleine unterwegs und habe entsprechend gar nicht so viele Gespräche mit anderen Leuten geführt. Ein paar schon, im französischsprachigen Teil aber viele auch aufs Oberflächliche begrenzt, da mein Schulfranzösisch je nach Tagesform gerade mal fürs Nötigste reicht und nicht für tiefgründige Lebensgespräche. Die üblichen Fragen waren dabei: Von wo kommst du? Bis wohin läufst du? Bist du alleine unterwegs? Was machst du beruflich/Studierst du? Eine Frage, die ich erwartet, aber nur selten gehört habe, ist, wieso ich den Jakobsweg gehe. Das war kein häufiges Gesprächsthema. 

Klein anfangen und einfach ausprobieren

Für mich war zum Starten die Dauer von zwei Wochen ideal. Auch wenn ich am Ende liebend gern noch weitergelaufen wäre, hat mir die Begrenzung geholfen, überhaupt zu starten. Ich würde vor allem auch sofort wieder vor der Haustüre losgehen. Ich konnte guten Gewissens eher unvorbereitet loslaufen und habe unterwegs viel gelernt, was mir für die Planung der nächsten Fernwanderung oder Pilgerreise weiterhelfen wird. Jetzt kann ich abschätzen, wie weit ich pro Tag laufen kann und was für Informationen für mich für unterwegs hilfreich sind.

Das ist mein Tipp für alle, einfach mal klein anfangen und für zwei Wochen loslaufen. Oder für ein verlängertes Wochenende. Und am besten von zu Hause aus. Dann kann man ausprobieren, ob das etwas für einen ist. Ohne gleich allerlei neu anschaffen zu müssen und eine lange und komplizierte Anreise zu bewältigen. Für mich gehört ein Pilgerweg auf jede Bucketlist. Man kann dabei so viel lernen, erleben und neue Ansichten für sein Leben gewinnen. Das passt dann auch in den Urlaub oder das verlängerte Wochenende. 

Was vom Weg bleibt

Jetzt bin ich schon zwei Wochen wieder zu Hause. Es fühlt sich an, als wäre der Jakobsweg schon länger her, das Erlebte scheint weit weg. Obwohl es sicher anders ist, da ich nicht gleich wieder zurück in Job musste. Gedanklich war ich aber sofort im nächsten Projekt. Durch das Artikelschreiben für den Blog habe ich mich aber trotzdem immer wieder damit auseinandergesetzt. Es ist schön, so Erinnerungen schaffen zu können, die Erlebnisse in Worte zu fassen und die Zeit unterwegs lebendig zu halten.

Wenn ich an die Tage auf dem Schweizer Jakobsweg denke, kommen mir vor allem die Begegnungen und Gespräche mit den Menschen in den Sinn. Von Frankreich ist mir hauptsächlich die wunderschöne Landschaft und die Aussicht in Erinnerung geblieben. 

Immer noch da ist die Motivation, loszulaufen. Ich will noch mehr Kilometer unter die Füsse nehmen, mehr schöne Landschaften sehen und dieses einfache Unterwegssein geniessen. Die Ideen, die ich unterwegs hatte, habe ich mitgenommen und es kommen laufend Neue hinzu. Da ich ja leider nicht alles gleichzeitig machen kann, müssen diese Ideen jetzt auf den richtigen Zeitpunkt warten. 

Geblieben ist mir auch, was ich kann. Und mein Verständnis von Distanzen hat sich geändert. Ich weiss jetzt ungefähr, wie viel ich pro Tag schaffe und wie viel sich da in eigentlich kurzer Zeit summiert. Wenn mir jetzt ein Weg mit 600 Kilometern begegnet, dann denke ich nicht mehr "Uff, ist das weit, das kann ich nicht umsetzen". Sondern eher "ja, klar kann ich das laufen, kein Problem".